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Matera – Von der Schande Italiens zur Kulturhauptstadt

Das süditalienische Matera war europäische Kulturhauptstadt 2019. Noch vor 70 Jahren galt der Ort als Schande Italiens. Zu Besuch in Höhlen, bei Jesus von Nazareth und in Restaurants, in denen man schlemmt wie Dionysios.

Matera – Von der Schande Italiens zur Kulturhauptstadt

«Mamma mia», ruft die Wirtin und stellt einen Teller Orecchiette und ein Glas Matera Primitivo auf den Tisch. Es duftet nach Knoblauch, Rosmarin und Rotwein – die glücksbringenden Aromen des Südens. «Isst du alleine? Das ist ja fürchterlich». Sie schnappt sich einen Stuhl und setzt sich zu mir. Damit der Arme wenigstens etwas Gesellschaft hat. Italienische Mutterliebe.

Unterwegs bin ich in dem süditalienischen Städtchen Matera, das wegen seiner Wahl zur Kulturhauptstadt Europas im Jahr 2019 einen internationalen Besucheransturm erlebt. Zu Recht: Matera ist eine der schönsten Städtchen Italiens. Und eine der interessantesten. Denn die Altstadt ist eine Zeitkapsel zurück ins Mittelalter und der Renaissance ohne die Verschandelung moderner Zweckbauten. Die sogenannten Sassi gleichen einem Haufen zusammengewürfelter Bauklötze. Dazwischen schlängeln sich Gässchen und Treppen, von denen viele in einer Sackgasse enden und verblüffende Blicke auf Kirchen, Höfe und Palazzi freigeben. Einen Stadtplan sollte man gar nicht erst einpacken: Man muss sich verlaufen, um den Zauber zu geniessen.

Foto: TravelBistro

Wie Bauklötze türmen sich die Häuschen aufeinander. Dazwischen schlängeln sich Gässchen, von denen viele plötzlich in Sackgassen enden.

Die Altstadt und ihre Unterwelt wurden im Jahr 1993 zum Unesco Welterbe erhoben. Laut Archäologen haben Menschen hier seit 9000 Jahren Höhlen in den weichen Stein gebuddelt – als Kirchen, Werkstätten oder Kühlschränke – und darüber ihre kleinen Häuschen gebaut. Matera gilt als einer der ältesten durchgehend bewohnten Orte der Welt. Verständlich: Die karstige Ebene an Italiens Stiefelabsatz mit ihren Weinstöcken und Olivenhainen taugt als Paradies. Doch im 19. Jahrhundert kam es zur Katastrophe. Die einfache Landbevölkerung verarmte und rückte zusammen, die Tagelöhner waren gezwungen, auch die Höhlen zu besiedeln. Die Lebensbedingungen waren fürchterlich. In einem fensterlosen Raum ohne fliessend Wasser lebten die Menschen gemeinsam mit ihren Tieren, die in den feuchten Löchern immerhin etwas Wärme spendeten – bis in die 1950er Jahre.

Foto: TravelBistro

Eine rekonstruierte Höhlenwohnung zeigt, wie erbärmlich die Lebensbedingungen noch im 20. Jahrhundert waren.

Das Leben war so elend, dass die italienische Regierung 1952 beschloss, neuen Wohnraum zu schaffen und die 30000 Bewohner umzusiedeln. In der Umgebung wurden neue Dörfer aus dem Boden gestampft und Ende der 50er-Jahre die Altstadt komplett geschlossen – und so für die Nachwelt konserviert.

Seit 30 Jahren wird die Altstadt neu belebt. Der Unterhalt der Grotten ist allerdings so teuer, dass sich in den Sassi hauptsächlich Boutiquen, Hotels und Restaurants angesiedelt haben. Die Altstadt ist ein Museum mit Charme – während die Neustadt mit ihren 60 000 Einwohner nicht der Rede wert ist. Und eine Filmkulisse für das Jerusalem zu Zeiten Jesu. Mel Gibsons «Die Passion Christi» (2004) und der Römerfilm «Ben Hur» (2016) wurden hier gedreht.

Foto: TravelBistro

Mein persönliches Fazit
Ohne Frage ist Matera eine Reise wert – das Essen ist göttlich, die Stadt eine Augenweide und die Gastfreundschaft umwerfend. Allerdings lohnt sich ein Besuch wegen des doch recht langen Anfahrtsweges nur im Rahmen einer kleinen Rundtour durch Italiens Stiefelabsatz.

Travel Basics

Corona Update: Die italienischen Regionen sind in verschiedene Risikoklassen gelb, orange und rot eingestuft. Welche Risikostufe in welcher Region gilt, ist hier ersichtlich.

Hinkommen: Der nächste Flughafen ist Bari, den man allerdings nur mit einmaligem Umsteigen erreicht. Direkt geht es von Zürich, Basel und Genf nach Neapel. Von dort sind es etwa 3 Autostunden bis nach Matera.

Übernachten: Das schönste Höhlenhotel am Platz ist das La Grotte dela Civita mit 18 ausgebauten Höhlenwohnungen.

Geführte Rundreisen: Die Stadtführerin Dora Cappiello bietet verschiedene Führungen durch Matera an und organisiert mit ihrem Reiseunternehmen auch Velo-, Wander- und Genussreisen in der Region.

Weitere Informationen Basilicata bella scoperta!, Le Grotte Della Civita Sextantio, Ferulaviaggi

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