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El Hierro – pure Erholung am Ende der Welt

Die Journalistenehre verbietet es, leichthin mit dem Begriff «Paradies» um sich zu werfen – für die kleine Kanaren-Insel El Hierro gibt es dennoch kein besseres Attribut.

El Hierro – pure Erholung am Ende der Welt

Im Reisejournalismus erlebt der Begriff «Paradies» oft eine Inflation. Der schöne Sandstrand, das Luxushotel, die tropische Insel, alles wird zum Sehnsuchtsort paradiesischen Lebens hochstilisiert. Wer also journalistisch etwas auf sich hält, vermeidet den Begriff wie der Teufel das Weihwasser. Ich tue es trotzdem: Die Kanaren-Insel El Hierro ist ein Paradies. So einfach ist das. Ein wunderschönes Fleckchen Erde am Ende der Welt, vor dessen Küsten Seeungeheuer hausen und ein strudelnder Abgrund jegliche Schiffe verschlingt. Und wo man so herrlich Abschalten kann – vom Arbeitsstress, nervigen Kollegen und Twitter-Gezwitscher.

Foto: TravelBistro

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An der Südspitze fallen die Vulkane steil ins Meer.

El Hierro, das etwa 300 Kilometer vor der afrikanischen Küste im Atlantik dahinträumt, ist der Winzling unter den sieben Inseln, die politisch zu Spanien gehören: 30 Kilometer lang, 25 Kilometer breit, 10’000 Einwohner und nur 1000 Hotelbetten. El Hierro ist vielleicht der letzte Geheimtipp Europas. Eine Insel für Individualisten, die eine Auszeit vom Mainstream suchen, zum Abtauchen und Energietanken. Auf die Idee, Sehenswürdigkeiten abzuklappern kommt man hier nicht – es gibt keine. Dafür bietet sie eine grandiose Natur, durch die sich unzählige Wanderwege schlängeln, schnörkellose Restaurants, die ehrliche Hausmannskost ohne effekthascherische Spielereien kredenzen, und viel Zeit für sich selbst.

Ich verträume meine Tage im «Balneario Pozo de la Salud», dem westlichsten Hotel Spaniens und dem einzigen Kurhotel der Kanarischen Inseln. Am Morgen gibt es ein Glas Heilwasser, das leicht nach Schwefel schmeckt und fast alle Gebrechen heilen soll. Wer will, kann sich mit Massagen und Anwendungen gesund pflegen. Meine Wellness aber ist der Blick von der Terrasse aufs Meer. Zehn Meter vor mir donnert der Atlantik an die schwarze Lavaküste und taucht mich in einen salzigen Nebel, der Nase und Gedanken befreit.

Einst war El Hierro der westlichste Zipfel der bekannten Welt. Dahinter gab es nur Ungeheuer und Tod – bis Christoph Kolumbus von hier aufbrach und eine neue Welt entdeckte. Manchmal grollt das Meer so dämonisch, als würden die schlafenden Vulkane der Insel erwachen. Weit hergeholt ist das nicht: Vor fünf Jahren brach zwei Kilometer vor dem Fischerdörfchen La Restinga ein Unterwasservulkan aus und brachte das Meer zum Kochen. El Hierro flimmerte über die Mattscheiben der Welt, was den bescheidenden Bewohner gar nicht recht war. «Nur keine Aufregung, bitte!», lautet das Credo der Herreños. 

Hotelneubauten oder internationale Bauprojekte werden regelmässig gestoppt – auch wenn sie nötige Arbeitsplätze schaffen würden. Der traditionelle Lebensrhythmus und die einzigartige Natur (seit 2000 ist die Insel eine Unesco Biosphäre) sind ihnen wichtiger. Stattdessen realisierten die Bewohner ein weltweit-beispielloses Pionierprojekt: El Hierro ist das einzige Eiland, dass zu 100% Strom aus regenerierbaren Energien gewinnt.

Foto: TravelBistro

Das Mini-Eiland ist ein Chamöleon, das beständig sein Aussehen ändert.

Nach zwei Tagen auf meiner Meeres-Blick-Terrasse wird es Zeit für ein bisschen Action. Ich verabrede mich mit Paolo, dem Wanderführer, und erkunde die Insel. Der blonde Italiener hat sich hier am Ende der Welt niedergelassen. «Es war Liebe auf den ersten Blick», schwärmt er. «El Hierro ist faszinierend». Stimmt. Das Mini-Eiland ist ein Chamäleon, das beständig sein Aussehen ändert. An den Berghängen der Nordseite wuchert ein dichter Urwald, der von feuchten Passatwolken gewässert wird. Blätter, Moos und Flechten filtern die Feuchtigkeit aus der Luft und füllen so die Wasserspeicher der Insel. Während der Norden oft unter eine Wolkenschicht versinkt, herrscht im Süden der Insel permanentes Fönwetter: heiter und trocken.

Fotos: TravelBistro

Der Passatwind bringt die nötige Feuchtigkeit für Mensch, Pflanzen und Tiere.

«Das ist das Tolle an El Hierro», sagt Paolo. «Wenn ich Sonne brauche, fahre ich nur mal kurz über den Berg». Dort spriessen Pinienbäume, Feigenwälder und haushohe Kakteen. El Hierro ist ein Mix aus thailändischer Tropeninsel, Provence und der Vulkaninsel Hawaii. Kleine Bilderbuch-Vulkankegel hocken hier wie Pickel auf dem Gesicht eines Teenagers. Dazwischen fläzen Lavafelder in erdenklichen Formen, mal porös wie Luftschokolade, mal hingeflatscht wie ein Kuhfladen. Die Formen faszinieren und im Koffer stapeln sich Lavabrocken in allen Formen als Mitbringsel für die Freunde.

Schliesslich verschlägt es uns ins Dörfchen La Restinga, das mit seinen 500 Einwohnern und kaum so vielen Besuchern das «Massentourismus-Ziel» der Insel ist.

Im Hafen hieven ein paar Fischer Kisten mit frischen Papageienfischen (eine Spezialität) an Land, ein Paar planscht mit ihrer Tochter am kleinen Strand, Männer trinken auf der Kaimauer ein Bier – ansonsten fliesst das Leben hier so gemächlich dahin wie ein Lavastrom. Erholung pur!

Travel Basics

Corona Update Seit dem 23. November müssen Touristen auf den Kanarischen Inseln bei Ankunft einen negativen PCR-Test mit Originaldokument vorweisen. Der Test darf nicht älter als 72 Stunden vor Ankunft sein. Zusätzlich muss im Vorfeld der Reise ein Formular der spanischen Gesundheitsbehörde ausgefüllt und unterzeichnet werden. Das Formular gibt es hier und kann alternativ auch über ein App auf dem Handy ausgefüllt und unterschrieben werden. Bei Ankunft wird nebst der Kontrolle der Dokumente eine visuelle Kontrolle durchgeführt und allenfalls auch die Temperatur gemessen. (Stand Ende November 2020)

Hinkommen Mit Edelweiss Air von Zürich direkt nach Teneriffa, von dort weiter mit dem Flugzeug nach El Hierro (allerdings muss man vom internationalen Flughafen im Süden zum Regionalflughafen im Norden shutteln). Passend zum Inselflair empfehlen wir daher die Weiterfahrt mit der Fähre (der Fährhafen in Los Cristianos ist ein 20-minütige Taxifahrt vom Flughafen entfernt). Die Fahrt dauert etwa 4 Stunden mit einem einstündigen Stop auf La Gomera.

Reisezeit El Hierro (wie alle Kanarischen Inseln) ist eine Ganzjahresdestination mit durchgehend angenehmen Temperaturen in Küstennähe. In den Bergen kann es im Winter frisch und feucht werden – ähnlich wie in unserem Frühling.

Kleidung Ins Gepäck muss unbedingt eine Regenjacke. Auch wenn es nicht regnet, die Passatwolken hüllen die Gipfel oft in einen sehr feuchten Nebel.

Trekking Geführte Wander- und Trekkingtouren bietet «atlantidea» (Paolo) an. Möglich sind Touren bis zu einer Woche.

Weitere Informationen: El Hierro, Canary Islands Tourism, Edelweiss Air, ATLANTIDEA

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