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Ausflug vor der Haustüre #17 – Spaziergang durch St. Gallen

Langsam spricht es sich auch im Rest der Schweiz herum: St. Gallen ist eine Reise wert. Christian nimmt Sie mit auf einen Spaziergang durch «seine» Stadt. Zum ersten Kennenlernen. Und zum Verlieben.

Ausflug vor der Haustüre #17 – Spaziergang durch St. Gallen

Sehr wahrscheinlich werden Sie am Hauptbahnhof ankommen, dann begrüsst Sie St. Gallen gleich mit einem architektonischen Juwel. Nein, ich meine nicht die neue Überbauung und die digitale Uhr, die niemand lesen kann. Beides kann man getrost ignorieren. Ich spreche vom Bahnhofsvorplatz, der eigentlich eine italienische Piazza sein will. Das Vorbild findet sich – ohne Witz – am Hauptplatz von Verona. Bahnhof und Hauptpost aus den 1910er Jahren waren einst St. Gallens Aushängeschild als weltweite Stickerei-Hochburg.

Der Textil-Boom ist längst passé, auch wenn St. Galler Spitze noch manches Prominenten-Dekolleté umflattert. Cameron Diaz, Michelle Obama oder die Queen wurden in Ostschweizer Tuch gesichtet – die lokalen Zeitungen berichten jeweils stolz darüber. Von den goldenen Jahren übriggeblieben sind die teils pompösen Bauten jener Zeit. Nur ein paar Meter vom Bahnhof entfernt steht in der St. Leonhard-Strasse das Stickerei Geschäftshaus «Oceanic», das erste Jugendstilgebäude der Stadt. Auch wenn hier der Verkehr rauscht, sollten Sie sich Zeit nehmen, dieses Ensemble zu betrachten. Wie auf Stelzen steht das fünfstöckige Haus mit seiner geschwungenen Fassade im Trubel der Stadt. Das Haus ist ein Statement: St. Gallen ist eine Metropole von Welt. Besonders schön sind die Flachreliefs, welche die Moiren zeigen – griechische Göttinnen, die den Schicksalsfaden weben. Nomen est Omen.

Weiter geht es daher zur nahen Stadtlounge in der Parallelstrasse (Vadianstrasse). Wo früher Stoffe gebleicht wurden, befindet sich heute St. Gallens Beitrag zur zeitgenössischen Kunst. Die Künstlerin Pipilotti Rist und der Architekt Carlos Martinez haben ein monströses Openair-Wohnzimmer entworfen, das so rot leuchtet wie ein Tartan-Sportplatz. Die Sofas, Tische und Lichtkugeln sind die grösste benutzbare Kunstinstallation Europas und ein beliebter Ort für die Mittagspause der Banker. Hier am Platz befindet sich auch die Synagoge mit schöner Fassade.

Tour Upgrade

Die Stiftsbibliothek ist übrigens nicht wegen der Architektur, sondern seinen Buchbeständen zum Unesco Welterbe erhoben worden. Hier findet sich nicht nur das älteste Buch in deutscher Sprache, sondern gar der älteste Bauplan der Welt: Der St. Galler Klosterplan aus dem 9. Jahrhundert skizziert das ideale autarke Kloster, inklusive Schweineställe, Wärmehaus und Brauerei. In der neuen Ausstellung «Das Wunder der Überlieferung» kann man zum ersten Mal den originalen Plan sehen.

Vorbei am Stickereimuseum in einem ehemaligen Gewerbehaus (sehenswert!) geht es zur Altstadt – ab hier bitte mit erhobenem Haupt! Denn während es auf Augenhöhe in den Schaufenstern nur Belangloses zu sehen gibt, thronen die wahren Kunstschätze über den Köpfen. In der Altstadt zieren 111 Erker die Häuser der ehemals reichen Stadtväter. Erker waren Lichtbringer und Statussymbol gleichermassen. Der Vorbau im Haus Pelikan (Schmiedgasse 15) aus dem Jahr 1709 zeigt zum Beispiel Allegorien der Kontinente Europa, Asien, Afrika und Amerika – der Besitzer war also ein Mann von Welt.

Irgendwann stehen Sie bei Ihrem Rundgang unweigerlich auf dem Unesco geehrten Klosterplatz mit Kathedrale und Abteigebäuden. Von der Bescheidenheit des Heiligen Gallus‘, der hier 612 sein Kloster gründete, ist bei der barocken Fülle nichts mehr zu sehen. Alleine hier kann man sich stundenlang aufhalten. Zunächst könnten Sie in dem Kirchenbau die vielen Abbildungen des Heiligen Gallus‘ mit seinem Bär zählen und dann in der Stiftsbibliothek Ihre Seele gesundbaden. Am Eingang der Bibliothek stehen die griechischen Worte «ΨYXHΣ IATPEION», was so viel wie Seelenapotheke bedeutet. Für wahr: Der barocke Raum (er gilt als schönste Bibliothek des Alpenraums) mit seinen harmonischen Proportionen hat etwas Beruhigendes.

Zum Abschluss setzen wir uns unter die grosse Linde in der Mitte des Gallusplatzes (hinter dem Kloster) und bestaunen die mittelalterlichen Häuser – meiner Meinung nach, das schönste Fleckchen von St. Gallen.

Travel Basics

Hinkommen St. Gallen ist so gut mit dem Zug aus allen Teilen der Schweiz zu erreichen, dass man das Auto ruhig in der Garage stehen lassen kann.

Einkehren St. Gallen ist bekannt für seine «Erststock-Beizli», Restaurants und Kneipen im ersten Stock eines mittelalterlichen Fachwerkhauses. Eines der schönsten Beizli ist die «Wirtschaft zur alten Post» unweit der Kathedrale. Hier kommt neben typisch Deftigem auch Exquisites aus der Küche.

Informationen: www.st.gallen-bodensee.ch; www.apost.ch

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