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Hausbootferien in Südfrankreich – Sein eigener Kapitän sein

Ein Mal im Leben Kapitän sein! Diesen Traum kann man sich bei Ferien auf dem Hausboot im französischen Departement Lot-et-Garonne erfüllen. Eine Geschichte von verflixten Knoten, gutmütigen Seebären und die Kunst des Flirtens.

Hausbootferien in Südfrankreich – Sein eigener Kapitän sein

Dieser verflixte Knoten! Wie ging der noch mal? Oben, unten, hinten durch die Schlaufe… Seemannsknoten sind für Landeier wie mich eine ziemlich verwirrende Angelegenheit. Egal: Ich wickle das Seil einfach so oft um den Poller, dass selbst ein Elefant daran festgezurrt wäre. Mein Hilfs-Kapitän Patrice kann darüber nur lachen.

«Naja, jedenfalls schwimmt das Boot nicht weg», sagt er mit einem südfranzösischen Dialekt, dessen Genuschel und fremdartige Vokabeln so nie im Französischunterricht vorkamen. Unterwegs sind wir mit dem Hausboot auf dem kleinen Flüsschen Baïse, das etwa in der Mitte zwischen Toulouse und Bordeaux in Südfrankreich in die Garonne fliesst.

Foto: TravelBistro

Hausbootferien sind der grosse Renner auf den Flüssen Südfrankreichs. Das tolle daran: Man darf die Boote, die bis zu sechs Personen Platz bieten, ohne Bootsführerschein fahren. Natürlich gibt es zuvor einen gründlichen Crash-Kurs, wo man die wichtigsten Handgriffe und Regeln erlernt.

Die Boote haben auf der schmalen Baïse, die kaum breiter ist als eine Landstrasse, eine Maximalgeschwindigkeit von etwa 6 km/h. Klingt langsam, doch bei der Anfahrt auf die erste Schleuse, wirkt das ziemlich schnell. Prompt bleibe ich an der schmalen Einfahrt hängen.

«C‘est pas grave», tröstet mich Patrice. Das macht nichts – schliesslich ist das Boot mit unzähligen Fendern gepolstert. Gut so. Weil das Handling in den Schleusen etwas verzwickt ist, muss man auf den Booten mindestens zu zweit sein. Patrice und sein Enkel Pierre sind deshalb mit von der Partie.

Foto: TravelBistro

Der gutmütige Patrice liebt dieses Fleckchen Erde, der von den Touristenströmen noch nicht entdeckt wurde. Der Hausboot-Hotspot liegt weiter östlich am Canal du Midi, Weintouristen ziehen westwärts nach Bordeaux und selbst der allgegenwärtige Jakobsweg schrammt knapp an der Region vorbei. Patrice aber promotet seine Heimat, als wäre es das Paradies auf Erden – und er hat recht!

Hier entdeckt man noch ein Frankreich, das sich nicht für die zahlenden Touristen herausgeputzt hat. Die Dörfer sind nicht aufgepeppt, die Gerichte herzhaft und auf den Märkten finden sich keine Souvenirs, sondern Obst, Gemüse, Käse und Fleisch für den täglichen Bedarf. Darunter selbstverständlich auch der kulinarische Star der Region: «Foie Gras» – die Entenstopfleber.

Foto: TravelBistro

Beim Picknick auf dem Boot kramt Patrice eine Dose der fettigen Masse aus der Tasche. «Wir brauchen hier nicht viel Schnickschnack beim Essen. Etwas Brot und Foie Gras reicht schon». Der Geschmack ist gewöhnungsbedürftig – und Tierfreunde sollten nicht an das Stopfen der Enten denken, das in vielen Ländern als Tierquälerei gilt. Dazu gibt es den neuen Rosé aus der lokalen Weinregion Buzet.

Die Stunden auf dem Boot sind Entschleunigung in Perfektion. Im Wandertempo zieht die hügelige Landschaft an uns vorbei. Eigentlich gibt es nichts zu tun – und das ist gut so. Nachdem die erste Aufregung über das neue Gefährt verflogen ist, schippern wir in Harmonie mit uns selbst durch die Gegend. Für Aufregung sorgt nur eine Wasserschildkröte, die am Ufer hockt, ein Otter und ein blauer Eisvogel, der hyperaktiv um unser Boot schwirrt.

Im Wein die Wahrheit suchen

In diesem Abschnitt Aquitaniens befindet sich das Weinbaugebiet Buzet. Vor der Einführung der AOC-Qualifizierung lieferten die Buzet-Weinbauern ihre Trauben ins nahe Bordeaux. Dies ist nun nicht mehr möglich. Daraus hat sich eine eigene, selbstbewusste Wein-bauregion entwickeln. In der Winzergenossenschaft Vignerons de Buzet kann man die lokalen Weine degustieren und eine Kellerführung machen.

Manchmal unterbricht ein kleiner Ausflug die tuckernde Langsamkeit. Im Städtchen Nérac kann man sich auf die Spuren französischer Geschichte begeben.

Hier lebte einst die adelige Familie d‘Albret, die Eltern des späteren Königs Heinrich IV (1553-1610), worauf man hier mächtig stolz ist. Vom ursprünglichen Schloss ist nur noch ein Flügel erhalten.

Doch auch hier wurde Weltgeschichte geschrieben: Im Brunnen des königlichen Gartens «Parc de la Garenne» ertränkte sich einst die junge Gärtnertochter Fleurette, nach dem Weiberheld Heinrich IV ihr schmählich den Laufpass gab. Klingt unspektakulär? Im Gegenteil! Aus Fleurette wurde das englische Verb «to flirt». Und wer möchte verneinen, dass Flirten nicht die Würze des Lebens ist?

Foto: TravelBistro

Zeit zum Flirten gibt es abends im Dorf Vianne. Die ehemalige Bastide ist noch komplett mit einer Stadtmauer umgeben. In der Mitte des quadratischen Grundrisses liegt der Hauptplatz des Dorfes, Marktplatz, Versammlungs- und Vergnügungsort. Beim sommerlichen Nachtmarkt verkaufen lokale Bauern und Kunsthandwerker ihre selbst gemachten Produkte. Das Gros der Einwohner tut sich an Schnecken gütlich und schlürft einen Wein dazu. Touristen? Fehlanzeige. Wie wunderbar!

Mein persönliches Fazit

Hausbootferien sind eine witzige Art, eine Region kennenzulernen. Das Tempo ist gemächlich, Erholung ist also garantiert. Allerdings könnte es jüngere Reisende auch schnell langweilig werden. Hausbootferien sind eher etwas für Menschen, die es unaufgeregt wollen. Die beschriebene Region ist toll. Sie bietet zwar keine aussergewöhnlichen Sehenswürdigkeiten, dafür authentisches französisches Leben. 

Travel Basics

Hinkommen Mit der Swiss direkt von Zürich nach Bordeaux. Von dort mit dem Zug oder einem Leihwagen nach Buzet-sur-Baïse (1,5 Stunden).

Reisezeit Von Frühling bis Herbst. Im Sommer ist Hochbetrieb, aber die Region um Buzet-sur-Baïse ist noch nicht überlaufen.

Strecken Von Buzet-sur-Baïse, dem Heimathafen des Bootvermieters Aquitaine Navigation, können drei Flüsse erkundet werden. Die kleine und urwüchsige Baïse, den Kanal der Garonne, der in Toulouse in den Canal du Midi übergeht, und den Fluss Lot. Am Ende der Tour muss man das Boot wieder in Buzet-sur-Baïse abgeben.

Vermietung Der kleine, lokale Vermieter Aquitaine Navigation vermietet Boot unterschiedlicher Grösse. Preise ab 905 Euro pro Woche.

Informationen: swiss; aquitaine-navigation; france

 

 

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