Kult Roadtrip – Get your Kicks on Route 66

Wer träumt nicht davon, einmal über die Route 66 zu cruisen und im Flair von Freiheit, Abenteuer und Rock `n Roll zu schwelgen? Ein Roadtrip, wie er schöner nicht sein könnte.

Kult Roadtrip – Get your Kicks on Route 66

Die Hitze nimmt uns die Luft zum Atmen. 117 Fahrenheit prangen auf dem Thermometer: 47 Grad. Eine Jahrhunderthitze hat den Südwesten der USA im Würgegriff. Seit Stunden fahren wir schnurstracks geradeaus und es wird Zeit für einen kalten Drink. In der Ferne entdecken wir ein Motel mit einem Café. Endlich. Doch die Tür ist verrammelt. In dem gottverlassenen Nest hat schon lange niemand mehr geschlafen. Das Motel trägt den bereden Namen «Frontier» –  Grenzland. Unterwegs sind wir von Albuquerque, New Mexico, durch die grossen Wüsten der USA bis nach Santa Monica, Kalifornien, auf der wohl berühmtesten Strasse des Universums: der Route 66 –  Sinnbild von Freiheit, Abenteuer und des amerikanischen Traums vom glücklichen Leben.

Foto: TravelBistro

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Die Route 66 – Die erste Ost-West-Verbindung durch die USA

Geboren wurde die «US 66» am 11. November 1926, als man bestehende Landstrassen zum ersten Highway den USA zusammenstückelte: Von Chicago durch acht Bundesstaaten und drei Zeitzonen ins 3940 Kilometer entfernte Santa Monica am Pazifik. Schnell wurde die Ost-West-Verbindung zu einer der wichtigsten Strassen der Vereinigten Staaten. In den 50er- und 60er-Jahren, als die «Mother Road», die Mutter aller Strassen, in Songs, Büchern und TV-Serien Eingang fand, zementierte sich dann endgültig der Status als Legende – und seit jenen Zeiten hat sich im ländlichen Amerika teilweise wenig verändert. Wir cruisen vorbei an ausgebleichten Werbetafeln für Rasierschaum, den heute niemand mehr kennt, Autofriedhöfen voller Oldtimern und an perfekt konservierten Roadside-Dinern aus der Zeit von Rock `n Roll und Petticoats.

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Historischen 60er-Jahre-Neonschilder flimmern immer noch durch die Nacht und versuchen müde Reisende anzulocken. Kultig! Einige der ursprünglichen Motels haben die Wirren der Jahrzehnte überlebt. Das Übernachten hier ist ein Muss – auch wenn sich manches Haus über eine Renovierung freuen würde. So wie im Hill Top Motel im Örtchen Kingman, in dem das 60er-Jahre-Telefon noch immer im Zimmer steht – funktionstüchtig!

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Dass so viele Relikte überlebt haben, ist ein Wunder, denn unser Roadtrip ist auch eine Reise der Wehmut. Mit dem Bau der «Interstates», der Autobahnen, wurde 1986 die einspurige Route 66 offiziell eingemottet. Und mit ihr starben Tankstellen, Diners, Motels und Roadside-Attraktionen, die noch heute im heissen Wüstenwind vor sich hin rotten.

«Unser Dorf starb genau am 22. September 1978 um 2.30 Uhr»

Angelo Delgadillo

Doch seit einigen Jahren erlebt die Route 66 einen neuen Boom, werden zerfallene Motels renoviert und aufgegebene Tankstellen in Cafés umgebaut. Zu Verdanken ist das Revival dem Route-66-Veteran Angelo Delgadillo. Wir treffen den 90-Jährigen, der genauso alt ist wie die Route 66, auf der Veranda seines Hauses im 500-Seelen-Dorf Seligman, etwa auf halber Strecke zwischen Albuquerque und Los Angeles. «Unser Dorf starb genau am 22. September 1978 um 2.30 Uhr», erzählt der ehemalige Coiffeur bewegt. «Mit der Eröffnung der Interstate kamen keine Kunden mehr ins Dorf. Es gab keine Arbeit mehr. Viele Anwohner sind weggegangen. Aber für mich war das nicht möglich».

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Der Staat kümmerte sich kaum um die vergessenen Route-66-Gemeinden. Der Zerfall war vorprogrammiert. Doch damit wollte sich Delgadillo nicht abfinden: Mit Gleichgesinnten kämpfte er Jahre lang für die Auszeichnung der Route 66 als «State Historic Route», als Denkmal. Zehn Jahre brauchte der Bundesstaat Arizona, um die Kult-Strasse unter Schutz zustellen und zu fördern. Die anderen Bundesstaaten folgten. Heute ist die Route 66 ein Pilgerort für Nostalgiker und das wahrscheinlich längste Vintage-Denkmal der Welt. «Ich danke euch, dass ihr extra aus der Schweiz zu uns kommt. Nur so können wir überleben“, freut sich Delgadillo.

Nach durstigen zwei Wochen und 1300 Kilometern taucht schliesslich Los Angeles als grüner Streifen aus der Wüste auf. Für die letzten 100 Kilometer bis zum Strand von Santa Monica brauchen wir drei Stunden. Los Angeles und seine Vororte begrüssen uns mit Autoblech, Stau und immergleichen Shoppingmalls.

Stadt der Sehnsüchte? Nicht für uns: Wir träumen uns zurück in die gottverlassenen Nester irgendwo in der Weite von Arizona.

 

Mein persönliches Fazit

Die Tour auf der Route 66 war der eindrücklichste Road Trip, den ich je gemacht habe. Die zerfallenen Motels und teilweise ärmlichen Verhältnisse in den abgelegenen Dörfern können manchmal deprimierend sein. Aber dennoch ist es ein tolles Gefühl, auf einer so geschichtsträchtigen Route unterwegs zu sein.

Travel Basics

Wie komme ich hin Es empfiehlt sich, zum Zielpunkt nach Los Angeles zu fliegen. Hin- und Rückflüge sind meist günstiger als Gabelflüge. Direkt von Zürich nach LA fliegt die Swiss. Von Los Angeles empfiehlt sich dann ein Inlandsflug zum Ausgangsort des Roadtrips.

Einreise Schweizer Bürger be­nötigen einen gültigen Reisepass und müssen vor der Einreise die elektronische Einreisegenehmigung ESTA vorweisen. Diese muss online mindestens 72 Stunden vor dem Flug eingeholt werden. Sie kostet 14 US-Dollar und muss mit Kredit­karte bezahlt werden. Unser Tipp: Nehmen Sie im Flughafen Los Angeles die elektronischen Einreise-Automaten. Das erspart lästige Fragen durch die Grenzbeamten. https://esta.cbp.dhs.gov/esta

Reisezeit Der Südwesten der USA ist eine Ganzjahres-Destina­tion. Im Sommer kann es allerdings sehr heiss werden. Juni und Juli sind Sommerferien, dann wird es in den Nationalparks voller. Reisen Sie deshalb im Frühling oder Herbst.

Geld Kreditkarten werden überall akzeptiert. Bargeld gibt es mit der EC-Karte. Wichtig zu wissen: Jeder Bundesstaat hat seine eigene Mehrwertsteuer, die nicht bei den Preisen angegeben ist. Die Rechnung fällt also immer höher aus, als angenommen.

Automiete Eine Automiete ist unkompliziert und günstig. Benötigt werden eine Kreditkarte und ein Schweizer Führerschein. Fahrer müssen mindestens 21 Jahre alt sein. Ab 25 sind die Preise günstiger. Wer das Fahrzeug ausserhalb des Bundesstaates abgibt, zahlt eine Überführungsgebühr, die sich auf der Route 66 nicht vermeiden lässt. Buchen Sie das Fahrzeug online im Voraus (z. B. bei ebooker.ch) und wissen Sie genau, welche Versicherungen inkludiert sind: Vor Ort wird man versuchen, Ihnen unnötige Zusatzversicherungen aufzuschwätzen. Mieten Sie ein grosses Auto mit genügend Platz, um das Gepäck komplett im Kofferraum zu verstauen.

On the road Das Autofahren ist stressfrei, da die Geschwindigkeiten niedrig und die Autofahrer rücksichtsvoll sind. Allerdings gilt das nicht für Los Angeles, das die Ausnahme zur Regel darstellt. Unbedingt auf das Tempo und die Verkehrsregeln achten: Strafen sind teuer.

Route Für die beschriebene Route von Albuquerque nach Los Angeles/Santa Monica haben wir uns zwei Wochen Zeit gelassen, da es rechts und links der Route 66 viel zu entdecken gibt. Wer es eilig hat, kann die Strecke auch in 7 Tagen abreisen. Als alternativer Anfangspunkt bietet sich auch Oklahoma City an (etwa 2200 Kilometer).

Unterkünfte Es ist nicht nötig, im ländlichen Amerika die Unterkünfte schon vor der Reise zu buchen. Legen Sie ihr Tagesziel lieber spontan fest und suchen Sie die Unterkunft vor Ort. Auf dem Land gibt es saubere Motelzimmer für 2 Personen ab 60 US Dollar, in Los Angeles muss man mit 125 US Dollar und mehr rechnen. Hotels sind generell teurer.

Informationsmaterial Der umfassendste Reiseführer mit vielen Insidertipps ist der «EZ 66 Guide for Travelers» von Jerry McClanahan, den es in Europa nur auf Amazon gibt. Unser Tipp: Bestellen Sie nicht direkt in den USA, die Portokosten sind horrend.

Weitere Informationen: National Historic Route 66 Federation

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